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Zettelchen
23.5.2011
Vor oder nach einer Reise werden die Taschen der Weste, des Rucksacks oder Koffers gefilzt. Heraus kommen pausenlos kleine Schnipsel Papier, die einmal ausgesprochen wichtig waren, jetzt fliegen sie bei einer unsentimentalen Person, wie ich eine bin, ruck zuck in den Papierkorb... oder doch nicht ?
Man wundert sich, wieviel von einige Schnipseln abgehangen hatte. Wie extrem wichtig es war, dass man sie schnell und sicher zu Hand hatte, vorweisen konnte, und schon haben sich Türen und Möglichkeiten geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wären und für ziemlichen Ärger gesorgt hätten. Man findet Bahntickets...Eintrittskarten und Rechnungsbelege in fremden Sprachen und fragt sich, was da wohl mal wieder verführerisch in der Auslagen gelegen hat, das man unbedingt haben musste. Man streicht über angepappte kleine Zettelchen mit Strichcodes, ohne die man sein verlorenes Gepäck niemals wieder bekommen hätte. Wie dankbar war man noch vor einigen Tage, sie zu haben. Jetzt heißt es : Weg damit, weg damit.
Wer kennt nicht das ziellose Umherirren im Supermarkt, wenn der Einkaufszettel zu Haus geblieben ist, wer kennt nicht die Gedächtnisakrobatik, die es braucht um eine Telefonnummer aus dem Hirn zu quetschen, und wer hat noch nie eine wichtige "To-Do " Liste vermisst, weil der Partner auf die Rückseite etwas anderes, viel wichtigeres notiert hatte. Liegt ein solches Zettelchen mal auf seinem Gesicht, ist es unauffindbar und erzeugt Panik und Herzklopfen. Hat man es entdeckt, ist die Erleichterung groß, Ruhe tritt ein und man kann seine Dinge abarbeiten und, wenn man Lust dran hat, sie sogar durchstreichen. Das gibt ein gutes Gefühl.
Mütter besitzen Briefumschläge mit kleinen Infobriefen ihren Kinder irgendwo im Schrank verstaut. Die kleinen Liebesbeweise will man einfach noch einmal lesen... irgendwann, wenn man mal "alt" ist und viel Zeit hat.... aber findet man die Briefchen dann auch ?
Es gibt sogar eine besondere Zettelchensprache, man schreibt anders als man als im wahren Leben schreibt oder spricht..... Erinnert Ihr euch daran ? Die kleinen verbotenen Briefchen in der Schule, die von Bank zu Bank wanderten. Findet man sie nach Jahrzehnten in einem alten Buch, mit wieviel Freude und Neugier liest man sie. Blitze aus einer andere Zeit.... war ich das wirklich ? Weg damit ? Aufheben ??? Eine liebe Freundin schickte mir kürzlich eine Mail – man bedenke ein Mail – mit dem Kürzel, das sie immer unter ihre Schulbriefchen schrieb. Die Freude darüber war riesig
Sie können nichtssagend sein, die Stückchen Papier, aber sie können auch Weichen im Leben mit "krawumm!" umstellen.
Als ich vor Jahrzehnten den ersten Log Cabin Quilt auf einem Flohmarkt sah, war ich wie vom Blitz getroffen. Es gab keine Zeit ihn sorgsam aufzufassen, die Kinder zerrten an meinen Händen, da hat die Händlerin... nein... es wäre gelogen... nein, sie hat mir das Muster nicht auf ein Zettelchen gemalt, das ich dann vielleicht doch verloren hätte... sie hat mir einen Kuli gegeben und ich hatte KEIN Zettelchen. Ich hab ihn mir auf die Handinnenfläche gemalt. Krumm und schief. Zuhaus angekommen wusste ich, beim nächsten Händewaschen ist "das Ding" futsch... für immer. Ich hab es abgemalt und in den kommenden Wochen meinen ersten holperigen, Log Cabin genäht aus Polyesterstoff und Futtertaft...
So ist es manchmal auch gut, wenn die Info noch flüchtiger ist, als auf einem Zettelchen.... erst dann wird sie wirklich ernst genommen. Wer weiß, wie mein Leben geworden wäre, wenn diesmal ein Stückchen Papier zur Hand gewesen und verloren gegangen wäre ?
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