|
Sommersonne
Heute erschrickt man, wenn man auf einer Autobahnbrücke jemanden stehen sieht... man tritt aufs Gas und wünscht sich, schnell weiter zu kommen. Ein Mensch auf einer Brücke, er jagt Schrecken und Angst ein, lässt einen an böse Dinge denken und man fühlt sich den Bruchteil einer Sekunde lang unsicher.... ausgeliefert. Schade, eigentlich.
Ich hasse dieses Gefühl und sehe in letzter Zeit immer genau hin, wer da auf der Brücke steht. Vor einigen Tagen ist es wieder passiert, aber diesmal ich bin ganz ruhig weiter gefahren und hab mir gedacht, wie dumm von mir, immer das Schlimmste gleich zu befürchten.
Auf der Brücke stand ein Fahrradfahrer, einen Fuß hatte er noch auf einem Pedal, er balancierte das Fahrrad lässig zwischen seinen Knien. Ein Arm hing über das Geländer der Brücke und sein Kinn hatte er in die andere Hand gestützt. Ganz ruhig, ganz versonnen saß er da und gab sich dem Sog der rasenden Autos hin, wie man sich dem Sog eines Wasserfalls hingibt, der an uns zieht. Man möchte hineinspringen und teilhaben an der rasenden Geschwindigkeit, so ähnlich schien er sich zu fühlen und verharrte doch ganz still und versonnen da oben.
Was hat er wohl gedacht ? Wo war er wirklich ? Sicher nicht auf dieser jämmerlichen Brücke.
Er ist mit den silbernen Wagen nach Westen gefahren, immer nach Westen, nach Westen... wohin die Menschen ihre Sehnsucht führt. Nach Westen. Ans Meer. Weit weg von hier. Die Ruhe, die Weite am Strand, die immer gleichbleibenden und immer unterschiedlichen Bewegungen der Wellen, der kleinen, der großen, das Andere, das Ferne, weg von hier..... War es das, was er gedacht hat... als ich unter ihm nach Osten gefahren bin ?
Oder waren es die großen Städte im Westen, die er erleben wollte ? Vielleicht sogar der ferne Kontinent, weit weg, im Westen, Amerika. Hat er sich gefragt : Was könnte ich da tun, wer könnte ich da sein... was könnte da auf mich warten ? Fliegen möchte ich können, mitfliegen mit den Autos, die alle so frei sind, die alle fahren können, wohin sie wollen.
Wohin fahren sie alle ? Fahren sie nachhause ? Fahren sie Menschen, die sie lieben, auf die sich freuen ? Oder fahren sie irgendwo hin, wo sie nicht hin wollen ? Ach, das ist unvorstellbar... das Fahren , das Wegfahren, so schön, so frei... nicht für mich. Ich stehe hier und bleibe.
Vielleicht hat er überlegt, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, die da nach Westen schießen, einer und noch einer und weg sind sie. Denken sie an ihren Tag, der gerade vorbei geht, an den Ärger im Büro, an Lösungen, die man vorschlagen könnte, an Worte, die lieber nicht gesagt worden wären oder an Worte, die man gern sagen würde... was denken sie alle... ich weiß, dass sie nicht an den Verkehr denken, was sie eigentlich tun sollten.
Haben sie Augen für diesen wunderbaren roten Ball der untergehenden Sonne vor sich. Dieses herrliche Schauspiel, das an manchen besonderen Tagen für uns läuft, diese unbeschreibliche schöne Kugel, die langsam versinkt. Was ist das für ein Rot ? Es ist nicht orange,... es ist nicht rot... es wird violett.... es ändert seine Farbe... sehen die Menschen die Sonne, freuen sie sich dran oder klappen sie nur genervt ihre Lichtschutzblenden herunter... ?
Die Brücke mit dem jungen Mann liegt längst hinter mir. Er wird niemals erfahren, dass ich ihn gesehen habe, dass wir einen Moment lang die Plätze getauscht haben. Jetzt scheint die tiefstehende Sonne in mein Rückfenster. Ich sollte mich nach vorne konzentrieren.... aber der Anblick der untergehenden Sommersonne ist so wunderschön, so lang im Winter herbei gesehnt, ich kann mich kaum trennen. Lachen muss ich, denn niemals wäre der junge Mann mit dem fernwehkranken Herzen auf die Idee gekommen, dass ich mit ihm über das Meer geflogen bin und ihn jetzt auf der Brücke stehen lasse und mich wieder um die schwierigen geschwungen Zuschnitte meines nächsten Quilts zu kümmern .... oh.. vielleicht doch keine so gute Idee, ich sollte mehr auf meinen Vordermann achten und dass mir nicht plötzlich ein rotes Bremslicht entgegenknallt.
Ich hole tief Luft und verabschiede mich vom Flug übers Meer.
Nur noch ein Fitzelchen der dunkel violetten Sonne ist in meinem Rückspiegel zu sehen. Wie wundervoll sie war und welches unverdiente Glück hatte ich auf dieser elenden Autobahnfahrt.
|