|
Fast eine Love Story : Ich und der Ripper
Er hat mehrere Namen, mein kleiner Lover, mein kleiner Tröster : Nahttrenner oder - rheinisch – Trennmesserchen und natürlich kurz und bedeutungsvoll englisch " seam ripper". Das kommt der Sache schon viel näher. Da ist Jack the Ripper nicht weit. Blut und Entsetzen.... aha, beides könnte stimmen.
Blut manchmal, Entsetzen immer :
" Oh, verd...... ich hab's falsch rum dran genäht!"
Da hilft nichts, die Naht muss aufgetrennt werden, her mit dem Ripper. Der macht sich an die fehlerhaften Stiche, gnadenlos, unbarmherzig. Diesmal waren die Ecken so korrekt, die Kanten so genau, die Nähte trafen sich exakt.
Auf, auf, weg damit.
Das alles wäre eine sehr traurige Sache, die man nur mit zusammengebissenen Zähnen durchstehen kann.
Möglich.
Aber bei mir läuft das anders.
Der Ripper löst auf was, ich falsch gemacht habe. Er behebt meine Fehler, er hinterläßt ein Stück falsch bearbeites Material in guten, fast neuem Zustand.
Er gibt mir eine zweite Chance.
Er dreht die Zeit zurück.
Er läßt mich da starten, wo ich schon mal war.... und jetzt mach ich es richtig. Klar.
Wo gibt es in meinem Leben die Chance, einen Fehler so tadellos zu beheben wie beim Auftrennen einer fehlerhaften Naht mit meinem kleinen Ripper ?
Gesagt ist gesagt. Böse und falsche Worte können töten. Man kann sie nicht ungehört machen, man kann sie zurücknehmen, sich entschuldigen, bitten, dass man sie " nicht in Protokoll übernehme", dass das Gegenüber sie vergißt. Nichts hilft, sie sind gesagt, die Verletzungen bleiben, die Wunden werden zu Narben. Kein "Wort"-Ripper kann mich um 1 Minute zurück in die Vergangenheit bringen, dass ich meinen Schnabel halte, dass ich das Böse oder Gedankenklose nicht sage.
Welcher Künstler hat die Möglichkeit, problemlos wieder von vorne anzufangen ? Hätte sich Michelangelo nur einen Ausrutscher in Davids schönem Gesicht "geleistet," es wäre niemals DER David geworden. Michelangelo hätte feilen und hantieren können, die Narbe wäre geblieben, der wertvolle Marmorblock wäre verdorben. Gut, dass ich nicht Bilder haue, es wäre ein teures Hobby geworden, wenn ich denke, wie oft mein kleiner Ripper im Einsatz ist.
Klar, Michelangelo hätte eine andere Figur in dem Stein gesehen und eine kleinere Gestalt geschaffen, aber was für ein Aufwand gegen die 3 Minuten, die ich nun opfere.
Wo wir schon bei der hohen Kunst sind, Wolfgang von.... na klar Goethe.
Wenn seine Ideen durch einen Tintenklex aus der Hühnerfeder verunziert aufs Pergament geflossen wären. Oh Herr, der Geheimrat hätte ein neues Blatt beginnen müssen, beim zweiten Blatt andere Ideen gehabt und die ersten wären der staunenden Nachwelt für Ewigkeiten verloren gewesen. Oder hatte er einen Schreiber ? Dann tut mir der noch mehr leid. Der Aufwand an Zeit, das kostbare Material. Ein Fehler und futsch die ganze Seite.
Ach ja, an Beethoven, den Mann meiner Heimatstadt, muss ich denken.
Meine Güte, mit wem vergleiche ich mich?
Was macht es ? Ich habe Zeit, ich muss eine sehr lange Naht auftrennen – also bitte – Ludwig van, ein Klexchen hier , ein Klexchen da und die Musik würde heute anders klingen. Ich höre mich den berühmten Klang der Fünften summen und setze die Töne ein bißchen anders. Es graut mir. Auch er hatte keinen Noten Ripper. Ein falsches Pünktchen, ein Nieser zur unrechten Zeit und.... futsch die Melodie.
Die Naht nimmt kein Ende.
Maler, aha, Maler, sie konnten übermalen, kaschieren, drübermalen. Aber was ist mit der Königin der Malerei, dem Fresco ? Mit sicherer Hand für Jahrhunderte auf den feuchten Putz gemalt, ein falscher Strich, ein herunter gerutschtes Lid am Auge der schönen Sybille, futsch ist ihre Schönheit, irreparabel. Nichts mit Seamripper-Pinsel. Alles musste sitzen. Musste korrekt und optimal sein und das schnell.
Bleib auch dem Teppich, vergleich Dich nicht mit diesen Künstlern. Aber was ist mit der versalzenen Suppe ? Mit der schnell noch überfahrenen roten Ampel ? Ein Kochlöffel- einen Lenkrad-Ripper, das wäre was .
Ach, ich liebe meinen kleinen Ripper.
Und das schönste ist, niemand wird sehen, dass ich diesen blöden Fehler gemacht habe. Nicht einmal ich selbst werde mich daran erinnern.
Und er ermöglicht bei echten Quilterinnen gänzlich ungeahnte Dimensionen.
Hier ist mein fertiger, großer Colorwashquilt. Fertig sage, ich, gequiltet, signiert, fertig eben. Plötzlich ist da ein kleines Quadrat, ein teuflisch kleines Ding, das brüllt:
" Ich sitze hier falsch."
Es springt ins Auge, drängt sich nach vorne. Nichts mehr ist zu sehen, außer diesem kleinen, verflixten Ding in der falschen Farbe, mit den falschen Linie, nichts schließt sich ihm an, die anderen Quadrate stoßen es ab wie Wasser den Öltropfen. Und jedesmal sieht man nichts, nur dieses Ding. Und der Ripper und die Überzeugung, ich tue es für mich, machen das Unmögliche möglich. An einem ruhigen Nachmittag ist dieses aufsässige kleine Dings einfach verschwunden. Es ist nicht mehr da. Die Welt merkt es nicht, aber die Freundinnen grinsen, sie wissen, wer es "gefressen" hat.. Es ist verschwunden in der Zeitmaschine in unsere Hand. Es war nie gewesen.
Endlich ist die Naht aufgetrennt. Ich will es nicht verschweigen, es war DIE Naht. Es war die Mittelnaht in einem großen Quilt. Wie kann so was nur passieren, dass man eine so wichtige Naht glatt falsch rum annäht und anstatt in glückliches Seufzen auszubrechen beim erstmaligen Anblick des neuen Quilts einen Schrei zum Himmel zu schickt :
"Oh, verd...... " (siehe oben)
Die Flusen werden abgezupft, die Teile hin und her gewendet, noch mal vorsichtig gebügelt, dann besonders gut – nun korrekt – zusammen gesteckt und die letzte Naht im großen Quilt entsteht. Fertig. An die Wand und...........
"Oh NEIN ..............! Schon wieder falsch. "
Ich weiß, Freundinnen, ihr glaubt mir, dass so etwas passiert. Tja, wenn man soviel träumt von Beethoven, Michelangelo und wer weiß sonst noch von wem und wenn mit seinem Ripper-Freundchen spricht, anstatt sich konzentriert zu fragen, mit welcher blöden Bewegung man die Teile denn falsch gegriffen hatte. Und nun, auf ein Neues.
Come to me, my love, seam ripper, bring mich zurück in die Vergangenheit. Gib mir eine dritte Chance.
|