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Rückwärts ist Vorwärts.
29.11.2011
Ich habe den Fernseher ausgemacht. Ich kann meine Augen nicht heben, um dem Programm zu folgen, also müssen die Ohren her. Ich stelle meinen Lieblingssender, den WDR 5 an, und genieße es, mit den Moderatoren von einem Thema zum anderen zu springen und dabei fixiere ich meine Augen fest auf Stich.. Stich.. Stich.
In meiner Küche ist es warm und dank neuer Deckenleuchte auch hell genug, um selbst die winzigsten Winzigkeiten des Atemholens zu entdecken. Am meisten freut mich, wenn ich auf Bereiche mit falscher Fadenspannung und großen, gezogenen Stiche treffe, über die man sich normalerweise ärgert.
Ich muss auftrennen.
Nicht einfach nur so, ein paar schlechte Nähte, ausgerutschte Nahtenden, nein, ich muss meinen Hochmut auftrennen, dass ICH "ES" kann. Ich schaffe es natürlich mich mit einem fertig gehefteten großen Quilt einfach an meine Nähmaschine setzen und loslegen. Das Muster hab ich ja im Kopf und damit auch in den Fingern, und auf geht’s.
Meine eigenen Regeln brauch ich nicht zu beachten, wie z. B. immer ein Garn nehmen, das gnädig zur Quilterin ist, das sich einen Hauch vom Quiltstoff unterscheidet und nicht grausam jedes Zucken zeigt, das in einer Kurve schon mal vorkommt. Ich muss mich ja nicht selber dran halten, dass man nicht atmen sollte bei großen Schwüngen, nein ich atme, ich stoppe und JEDESMAL rutscht die Naht aus der Linie. Jedesmal entsteht ein kleiner Zacken. Und wenn ich dann in der Spitze eines Mäanders Luft holen, dann tue ich das so lang, dass.... siehe oben, dass 10 Stiche auf einen Fleck fallen. Ich muss mich schämen. Ach, der Quilt ist ja nur für ein Kind, das freut sich an den Farben, an der Wärme und Weichheit... und... kannst du den Quilt so selber ansehen ?
Ich hatte vor dem fast fertig maschinengequilteten schönen Teil gestanden und es kroch etwas das Rückrat hoch.... Entsetzen. WAS hab ich mir da nur gedacht ?
Also, runter in die helle, warme Küche, alles weggeräumt, was stören könnte und loslegen. Das Trennmesserchen, das bei mir ein Stiletto ist und ein Scherchen parat gelegt und anfangen.
Nichts ist schlimmer als maschinengequiltete Muster auftrennen. In Sekunden saust die Nadel über den Quilt, in endlosen Minuten (ich will nicht Stunden sagen), arbeitet man sich Stich für Stich an der D-Zug Naht entlang, sieht genau, wo man geschummelt hat, wo man unsicher war, wo man z. B. die erste Naht nicht exakt mit einer Rücknaht getroffen und dran vorbei gequiltet hat. Ja, jetzt ist das eine Erleichterung, liegen allerdings beide Nähte genau übereinander, dann ....phhhhhhhhhhhhhh. Aber es muss einfach alles aufgemacht werden.
Und mit jedem gelockerten Stich, den ich aus der Naht ziehe, komme ich weiter. Ich entwerfe im Geist das neue Muster, ich mache Pausen und übe es auf Papier bis es sitzt und die Finger wieder locker geworden sind. und.... ?
Eigentlich ist das Auftrennen doch gar nicht so schlimm. Eigentlich ist Auftrennen auch ein Weg, einen Quilt fertig zu nähen. Auftrennen ist ein Weg nach Vorne, der richtige Weg. Es wäre ein falscher Weg, es nicht zu tun und zu sagen: "Ach, passt schon !" und dann guckt man vorsichtig um sich, ob denn niemand merkt, dass man zu faul war, den richtigen Weg, nämlich den Weg rückwärts zu gehen.
"Ach," meint meine Freundin, " ich hätte es schon gemerkt !"
"Und, hättest du was gesagt ?"
"Nun ja, ich wäre befremdet gewesen," lacht sie
" Ja und zwar laut und sichtbar!" kommt es von einer anderen Seite.
Und wie kommen jetzt meine Freundinnen plötzlich in meine Küche, in der außer meinem Quilt, den verhunzten Nähten, mir und dem WDR 5 niemand ist ?
Das Telefon hatte mich aus meiner freiwilligen Qual gerissen.
Ich war aufgetaucht wie aus den Untiefen eines bunten, schillernden Sees von Stoffen, Nähten, Formen und Farben.....
"Hast du vergessen, dass wir hier alle zusammen sitzen und auf dich warten ?"
Oh Gott !! Wie konnte ich ???
Ich hab die Farben noch vor meinen Augen und die kleinen und manchmal auch größeren Stiche, die alle, alle aufgetrennt werden mussten, als ich auf der finsteren Autobahn bin.
Meine Freundinnen "waren befremdet " und ich war entsetzt. Aber immerhin, sie können mich sicher verstehen und dann kam der schöne Satz
"Wenn man dich mal begräbt, dann geben wir dir eine Nadel, einen Fingerhut und einen Fingerling mit ins Grab!"
"Au, wei," hab ich bei mir gedacht," lieber ein Scherchen und ein Trennmesserchen, damit hab ich dann länger was zu tun !"
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