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Kannst Du mal eben?
“ Kannst Du mal eben die Hose ein bisschen, nun ja – ich meine – soviel wie möglich weiter machen, sie ist mir im Bund zu eng geworden.” Mein Mann hielt mir schief lächelnd eine Sommerhose hin, die die Unverschämtheit besaß, einfach so von sich aus enger zu werden, vielleicht durch die lange winterliche Lagerzeit im Schrank, wer weiß? Wer kennt sie nicht, diese unverschämte Eigenschaft von winterlich gelagerten Hosen? Nun soll ich die Hose weiter machen, eben mal so.
“ Nun ja,” meint Manfred, “ Du nähst doch den ganzen Tag und da könntest Du doch auch mal....” er verschluckt aus bitterer Erfahrung den Rest des Satzes nämlich “ etwas Nützliches tun”....
Ich schnappe mir das Ungetüm ich nehme es nach oben in mein Quilterparadis. Es knirscht in meinem Gehirn. Wer hätte – sagen wir mal – Herrn Rubens gefragt, ob er mal eben den Flur anstreichen möchte, er tue doch den ganzen Tag nichts anderes, als herumzupinseln. Dazu kommt, daß gerade diesem Künstlert die Probleme fülliger Menschen bekannt waren. Womit nicht gesagt sein soll, daß mein Dear Husband zu den Fülligeren gehört, keinesfalls, es liegt nur an der langen Wi´nterlagerzeit. Ich vergleiche mich schon wieder einmal mit einem Künstler. Wie kann ich so unverfroren sein?
Ich bin der Meinung, es hat schon eine Menge mit Kunst zu tun, was wir alle in unseren kleinen oder größeren Quilt-Paradisen produzieren. Wir schaffen etwas neues, etwas Einmaliges, etwas Wunderschönes, etwas, das ausgedrückt, was in uns vorgeht, das ein Teil von uns selber ist. Oft wird es als “Gebrauchskunst” belächelt. Kunst, die man gebrauchen kann? Das hat doch was, oder nicht?
Quilts kann ich nähen, aber keine Hosen. Schon gar nicht Hosen erweitern.
Ich möchte meinem lieben Mann sagen, daß ich da oben arbeite.
Arbeite? Ja, icharbeite mit Farben. Ich spiele keineswegs damit herum. es ist Arbeit. Oder gibt es irgendeinen Künstler in der Welt, der seine Arbeit als Spielerei empfindet? Nein, noch nie gehört. Ich kämpfe mit Farben, die mir noch dazu durch die Stoffe vorgegeben sind und die ich mir nicht – wie Herr Rubens – mischen und erschaffen kann, so, wie ich sie gerade gern hätte. Ich muss nehmen, was ich kriege. Und das ist schon stressig genug.
Die Hose fliegt auf den Boden.
Zwei Stunden habe ich Zeit heute. Ich betrachte meine Design-Wand: Der Colourwash Quilt nimmt langsam Form an.Sie Kästchen mit den vielen Hundert Quadraten stehen – mühsam in Ordnung gehalten, auf und unter den Tischen. Ich freue mich ein Quadrat nach dem anderen auszuwählen, zu platzieren, umzudrehen, damit die Farbverläufe fließen und keine Linien entstehen, ein anderes Quadrat zu nehmen summend wieder zu verwerfen und so – versunken in mir selbst und dem Bild von meinem neuen Quilt in meinem Inneren – zwei herrlich Stunden zu verbringen.....Aber !!!!
Da liegt die Hose!
Elend einfarbig in schmuddeligem Beige, womit ich nicht sagen will, daß mein Dear Husband schmuddelige Hosen trägt, so sind nuneinmal Männerfarben. Sie liegt da auf der Erde und schreit mich an.
Nicht nur, daß ich dauernd über sie stolpere, sie plärrt: “ Nun mach schon! Trenn endlich den Bund auf und mach mich weiter!” Nun ja, trennen, das kann ich gut, aber das will ich jetzt nicht.
Die Ruhe ist hin. Die Gelassenheit und die Freude sind futsch Der Druck auf meiner Seele läßt den Colorwashquilt erstarren.
Ich schiebe die Kästchen mit Stoffen beiseit, greife zähneknirschend nach meinem geliebten Freund und Helfer, das Trennmesserchen, und mache nich über die Eingeweide der Hose her. Ich tauche ein in die Gesetzmäßigkeiten der Schneiderein irgendwo in Südostasien und versuche sie im Rückwärtsgang irgendwie nachzuvollziehen.
Meine Colourwashteilchen singen und strahlen und singen mir zu, daß die kostbare Zeit läuft. Ich trenne Nähte, versuche passendes Garn zu finden, und dann säuselt mir ein besorgtes, hübsches Quadrat in hellem Blumenmuster die Erlösung zu: “ Die Griechin, hast Du sie vergessen? Sie ist immer so freundlich!”
Das war`s! Die Erleuchtung, die Lösung. Die Hose fliegt auf den Boden zurück, zum Schweigen verdammt. Das Trennmesserchen kommt da hin, wo es noch lange schlafen und auf den Moment warten soll, wenn ich es wirklich brauche. Ich wende mich glücklich und entspannt meinem Colourwash Entwurf zu. Die Hose kann mich nicht mehr erreichen. Mundtot schweigt sie auf dem Boden, beiseite geschoben in Richtung Treppe, die aus dem Paradis hinunter ins rauhe Leben führet.
Die zwei freien Stunden sind vorüber, der Quilt ist gewachsen.
Mit der Hose unterm Arm fahre ich zur Griechin. Sie guckt lachend auf meine Trennversuche und nimmt die Hose entgegen. Für ein paar Mark wird sie übermorgen fertig sein und Manfred wird sie in Empfang nehem und sagen:” Na Ulla, wer sagt`s denn?”
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