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Kannst du mal eben... die zweite
26.9.04
Man muss wissen, dass ich eine Tochter habe, die einfach alles kann, sie kann Tische schreinern und Schränke, Autoreifen wechseln, Bohrmaschinen reparieren, Weltreisen organisieren und mich aus Katastrophengebieten rausholen, sie kann alles und noch mehr, nur.... nähen kann sie nicht.
Heimtückischerweise hab ich ihr eine Nähmaschine geschenkt, eine schöne mit vielen Stickmustermöglichkeiten, aber man ... zweckentfremdete sie zur Kinderbeschäftigung. Nun denn, man weiß ja nie, was daraus werden kann, denk ich mir, freue mich und halte den Mund.
Vorgestern rief meine alleskönnende Tochter an und meinte, ich solle doch „mal eben“ vorbei kommen, man hätte Karten für die Harry Potter Nacht und es wäre doch nett, wenn ich drei Harry Potter Umhänge zaubern könne. „ Du kannst doch alles... !“ gurrte sie und nähen, das sei doch ein Klacks für mich. Auf meine genervte Frage, ob man mit den Umhängen denn auch fliegen können müsse, meinte sie gnädig, nein, dafür hätte sie drei Besen parat.
Drei Umhänge mit Kapuzen / grün schwarz in den Farben von Griffindor, mit Schnittmuster und solchen Grässlichkeiten. !! Oh je !
„Ach“, meinte sie, „Schnittmuster, keine Sorge, das sind doch nur Gebrauchsanweisungen und darin bin ich gut !“
Als ich ankam, kniete die Tochter auf dem Fußboden inmitten von Unmengen grünen und schwarzen glibberigen Satins und schnitt tapfer mit einer Schere, mit der sonst Geflügel geschnitten wird, großzügig um ein Papiermuster herum. Da sie – die Tochter - eher mit Holz als mit Stoff umgeht, hatte sie Stecknadeln so dick wie Stricknadeln und Nähnadeln wie Dolche. Aber immerhin, sie hatte alles parat. ( Aha, so was gehört zum exakten Lesen einer Gebrauchsanweisung, dachte ich mir ).
„Dass du mir nur ja keine meiner kostbaren Stecknadeln mitnimmst, du hast ja keine Ahnung was die Dinger kosten !“ brummelte sie und hatte – sehr professionell - den Mund voller Nadeln.
Nein, nein, von so was hab natürlich absolut keine Ahnung.
Sie kämpfte sich tapfer durch gerade Nähte und Versäuberungen, durch Kanten und Umschläge, aber als die Kapuzen dran kam bei der eine konkave auf eine konvexe Naht stößt (jede von uns kennt diesen Panikmoment aus den Frühzeiten unseres Nählebens ), da seufzte sie :
„Ich hab da ein Loch, das kriegt ja kein Mensch zu, da passt einfach nix zusammen, da kann man nur den Kopf durchstecken.!“ Aber sie gab nicht auf, griff sogar hin und wieder mal kurz zu, wenn ich eine helfende Nadel hinstreckte und brummelte vor sich hin. Was brabbelt sie da nur, fragte ich mich, und mit wem redet sie bloß ?
Und siehe da, sie murmelte ..........Zaubersprüche und suchte verzweifelt den richtigen, der im Nu die drei grün schwarzen Umhänge fertig auf die Bügel zaubern würden. Aber es half nichts, der richtige Spruch kam einfach nicht.
„Man müßte einfach wissen, was nähen auf lateinisch heißt“, meinte sie endlich und machte sich auf, um ihr Lateinbuch aus uralten Zeiten auszugraben. Lange wurde sie nicht mehr gesehen, dann erschien sie strahlend :
“Suere ! Nähen heißt suere. Also Achtung : Rrrrrra´pido suo! Rrrrrrrrr, du weißt schon, wie die Nähmaschine…rrrrrapidddooooo ”
Nichts passierte.
„Dir fehlt die richtige Handbewegung zu rrrrrrrrrapido suo“ meinte ich, „guck her, Nadel rein, Nadel raus....“
„Ha, ich hab dich durchschaut, du willst nur, dass ich dir helfe, nein, ich zaubere lieber!“
Sie zauberte Federboas aus alten Kisten her, fand, die müssten auch noch an einen der Umhänge, sie stolzierte wie Professor McGonagall durch die Gegend, schwang ihren inzwischen vollendeten Umhang so, dass die Federstückchen durch die Luft flogen und murmelte weiter hoffnungsvoll Zaubersprüche,.... und die Mama nähte und steckte und ihr wurde wieder mal schmerzhaft klar, dass sie zwar patchen, aber nicht schneidern kann.
Nach zweieinhalb Umhängen ging der Tag zuende. Den Rest sollte die junge Zauberin selber machen.
Ganz leise in mir drin flackerte ein kleines Flämmchen. Na, vielleicht krieg ich sie so doch an die Nähmaschine, wär doch gelacht, es wird ihr doch sicher gefallen haben, was wir da ge“zaubert“ haben.
Und tatsächlich, ein begeisterter Telefonanruf kam, wie wunderbar die Zauber-Reise-Umhänge doch seien, aber sie müsse schnell noch mal vorbei kommen und mir was zeigen.
„Hurra“, dachte ich, „ sie hat weitergenäht und gefriemelt, der Virus hat sie erfasst!“
Freudig wartete ich, dass sie auftauchte mit Kindern und Griffindor Umhängen. Und siehe da, sie tauchte auf, ist 120 km gefahren und zeigte mir... eine falsch herum angenähte 30 cm kurze Naht.
„Also Mama, die ist FALSCH dran ! FALSCH, die muss ich AUFTRENNEN !!!!!! AUFTRENNEN !!!! Weißt du, was das heißt ?? AUFTRENNEN ???? Im Handarbeitsunterricht musste ich jahrelang nur auftrennen. Ich trenne diese Naht nicht auf, lieber nehme ich 10 kg ab. !!!“
Da wusste ich es: Aus ihr wird nie eine Patchworkerin. Niemals.
Ohne mit der Wimper zu zucken nahm ich mein Trennmesserchen, meinen kleinen Freund den Ripper, trennte auf und meine große Tochter sah fassungslos, dass ich lachte und ihr dabei sagte :
„Ich begrabe gerade eine Hoffung, aber es macht gar nichts. Ach, übrigens, ich bräuchte einen neuen Schrank in meinem Zimmer, einen nur für Hosen ........ Größe 44 !“
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