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Das tote Tier
„Also echt Mama, mit dem Ding kannst du nicht mehr rumlaufen,“ meine Tochter betrachtet mitleidig meinen kleinen, geliebten Rucksack, der dringend einen neuen Reißverschluss brauchte. Der Schuster hatte diese Reparatur aus sehr begreiflichen Gründen abgelehnt. Es war ihm zu kompliziert. Ich konnte es gut nachempfinden.
„Weißt du, heute hat man große Taschen, so Dinger, in die man einfach alles hineinstecken kann,“ schwärmte die Tochter. Sie klopfte stolz auf ihre riesige Tasche, kippte sie um und alles fiel raus, was MANN sich nur vorstellen kann. Beneidenswert. Die Tasche war das reinste Überlebensgepäck, es fehlten nur noch Draht und Zange und man hätte eine Woche in der Wildnis ohne Schwierigkeiten durchstehen können.
„Guckst du denn nie in Modezeitschriften oder Kataloge ? Und überhaupt... wie siehst du eigentlich aus?“ fragte das Kind. Nun ja, die Flut der Kataloge flutscht bei mir sofort in den Papiermüll, die schlanken Schönheiten tragen sowie nur Flatterdinger, die für mich nicht in Frage kommen und Modezeitschriften... ? Was ist denn das ?
Meine Zeitschriften werden gehortet, katalogisiert, gebraucht, gehütet, ausgeliehen, gepflegt wie Schätze und enthalten – wie ihr wisst – keine vergänglichen Modetrends. Aber ich hab meinen Mund zugekniffen und bin - wie ein Kind seiner Mama folgt -, in die Stadt getapert, um eine neuen Handtasche zu kaufen. Zuerst wurde ich gezwungen ein neues Wolljäckchen zu erstehen, das so aussah, als hätte man vier Stunden lang im Kino drauf gesessen, verkrumpelt, verknittert, unmöglich.
„So was Elegantes !“ krähte die Tochter und schon war das knitterige Dings gekauft.
„Ein Rock muss her, ein knöchellanger und vielleicht noch elegante Stiefel mit hohen Hacken und dann ... eine neue Tasche !“
Ich sah mich in einen halblangen verkrumpelten Rock gesteckt, der Gedanke an ein Bügeleisen wurde nur mitleidig belächelt.
„Nein, kein Rock ! Nicht mit mir !“ Unverständnis auf Seiten der jüngeren Weiblichkeit, die die Emanzipation schon mit der bekannten Muttermilch wie selbstverständlich gesoffen hatten. Sie wissen nichts von dem Kampf ihrer Vorfahrinnen gegen Röcke und FÜR Hosen. Sie finden es momentan chic Hosen lageweise unter schlabberigen, zerknitterten Röcken hervolugen zu lassen. Wozu zum Teufel haben wir eigentlich gekämpft, wurden aus Restaurants und Hotelhallen gewiesen, durften nicht ins Konzert, ja nicht mal ins dunkle Kino, nur weil wir Hosen trugen....?
Nein, für mich keinen Rock ! Und vergiss die Stiefel, es ist Sommer !“
„Gut, dann wenigstens die Tasche !“
Jetzt hab ich also eine neue Tasche. Kess über die Schulter geworfen sieht sie richtig gut aus.
Leider hat die jahrelange Disziplin mit den kleinen Rucksäckchen und Täschchen zur Folge, dass das große Ding halbleer ist und ich zur Verzweiflung alle Mitwartenden an Einkaufskassen, vier ungewohnte Reißverschlüsse und einen goldenen Haken öffnen muss, um – inzwischen schon nach leisen Panikattacken – endlich mein Portemonnaie zu finden. Dieses Beuteltier ist einfach zu groß.
Und, wenn sie dann so schlapp auf dem Tisch liegt, dann ... dann......
„Was liegt denn da für ein totes, schwabbeliges Tier ?“ fragt mein Mann verständnislos.
„Ach,.......... das ist meine neue Tasche !“
„Hmmmmmmmmmmmm“
Ich versuche noch einmal den Reißverschluss in meinen kleinen, unhandlichen aber so praktischen Rucksack zu nähen. Es klappt einfach nicht.
Ich sehe mir das tote, schwabbelige Tier an und überlege, warum ich mir eigentlich so etwas gekauft habe. Die Tasche sah doch ganz passabel aus, als sie im Laden lag. Irgendwas fehlt doch.
Keine Zeit mehr für tiefsinnige Gedanken. Ich muss weg. Es ist Zeit für den Kursabend.
Ich nehme meinen angefangenen Quilt, mein Täschchen mit Nadeln, Garn und Schere und... stopfe alles in das tote schwabbelige Tier und siehe da... es gewinnt an Form. Es steht aufrecht auf dem Tisch wie im Schaufenster und streicht sich zufrieden sein volles Bäuchlein.
Jetzt begreife ich, was der Tasche fehlte, warum sie so tot aussah. Ihr hungrigen Magen brauchte den unfertigen Quilt mit Vlies und Rückseite, das Täschchen mit Nadeln, Scherchen, Fingerhüten und Garnen, den kleinsten meiner Quiltrahmen, Überlebensbonbons und die neueste Zeitschrift vollgestopft mit brillanten Ideen.
Einfach alles, was man in der Wildnis eben so braucht.
Sie wird es für mich tragen, hüten und aufpassen, dass ich nicht wie üblich drei Taschen mitschleppe und eine davon liegen lasse.
Jetzt kann ich überleben, egal wo ich lande.
Vielleicht sind sie doch nicht so anders, diese neuen jungen Frauen, auch wenn sie wieder Röcke tragen.
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