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Das tiefe, schwarze Loch.
13.8.09
Das Loch, in dem ich stecke, ist tief. Ziemlich tief und ziemlich dunkel.
Zuerst habe ich überhaupt nicht bemerkt, dass ich festsitze in diesem finsteren Loch. Es gab so viele warme Tage in diesem Sommer. Es gab so viele Bücher, die ich noch nicht gelesen hatte und so viele Schränke, die endlich mal geordnet werden mussten. Und so fand ich mich vor Küchenschränken hockend und Ordnung schaffend.... oder unter Bäumen sitzend, von Grasmilben gequält, aber eifrig all das lesend, was ich immer schon lesen wollte.
Als alle Schränke sauber und übersichtlich aufgeräumt waren, der Urlaub mit den Enkelkindern unfallfrei überstanden war und die Erholung von der Erholung einsetzen sollte.... fiel mir endlich auf, dass ich im Dunklen saß.
Meine Freundinnen, denen ich zaghaft und um Hilfe bittend davon erzählte, brachen in Geschrei aus...
“ Das ist doch nicht dein Ernst. das kann doch nicht wahr sein!” Sie versuchten mich mit neuen Heften und Ideen herauszulocken und es gelang auch für einige Minuten.... aber auch die gingen vorbei.
“Du könntest ja mal ... also mal versuchen, nicht nur Kleiderschränke aufzuräumen, versuch es doch mal ... mit deinen Stöffchen !”
“Stöffchen !” Das Wort....
Alles sträubte sich in mir, auch nur in eine Stoffkiste zu sehen. Finsternis kam mir daraus entgegen. Nichts. Keine Idee. Keine Versuchung, nichts.
Und wieder fand ich mich in einer Buchhandlung anstatt im Stoffladen.
In meiner Verzweiflung fing ich an, unsere Katzen zu malen, das wollte ich auch schon immer mal tun. Ich fand mich an den Zeitungsständen weit weg von Patchworkmagazinen... da hätte ja eine neue Idee drin sein können... und suchte sogar Anleitungen zum Pferdemalen oder Spanisch lernen.
“Du bist verrückt geworden, das ist der Anfang vom Ende...” murmelte der beste aller husbands.... sah ich da einen Hoffnungsschimmer in seinen Augen?
Also aufräumen. Bei mir ist alles aufgeräumt. Ein endloses Betätigungsfeld bieten die Schränke der Enkelkinder, wer kennt das Chaos dort nicht ?
Und dann passierte es.
Ein winziger, kaum zu spürender Lichtblitz am Ende des tiefen Loches, der Schwärze, in der ich stecke... oder steckte ? Immerhin kann ich schon drüber schreiben... reden noch nicht so gut.
Bunte Karos.... ein Hauch von Karibik im Kleiderschrank der Elfjährigen.
Es kitzelte plötzlich in meiner Nase ,... und die ist nicht weit vom Gehirn weg, wie man weiß:
Martinique !
Ein gütiges Schicksal in unser schnellen Zeit hatte ergeben, dass wir in einem Jahr zweimal für jeweils ein paar Stunden dort war. Beim ersten Mal, - der wunderbare tropische Botanische Garten stand auf dem Plan - tanzte eine karibische Schönheit vor uns her mit einem Kleid aus leuchtend bunten Madras-Karos. Volants über Volants, die mit ihr vor mir her über die Wege des Paradies-Gartens wippten. Plötzlich hatte ich keine Augen mehr für die Pflanzen und Vögel. Auf dem hastigen Weg zurück zum Schiff.... wer fasst meine Freude... sah ich einen Stoffladen vollgeladen mit Madrasstoffen, so bunt wie die Blüten der Karibik. Ich versuchte aus der Reihe zu tanzen und diesen Laden mal eben schnell und gründlich heimzusuchen. Keine Chance !
Ich hasse diese Art zu reisen.
“Du kommst bald noch mal hier hin, hast du das vergessen...!” tröstet mich mein Mann. Schnell eine Serviette gefunden, schnell die Adresse des Ladens aufgeschrieben, schnell so was wie einen Stadtplan skizziert. Jetzt gehörte der Laden mir, jetzt gehörten alle Stoffe so gut wie mir.
Die zweiten Reise brachte uns wieder auf diese herrliche Insel. Diesmal kamen wir erschöpft und müde an, im Kopf nur noch den Gedanken auf ein möglichst kühles Bier und ein möglichst kühles Bett.... nicht so bei mir.
“Du wirst doch jetzt nicht ... ! Nein, das kannst du nicht tun, nicht jetzt. Und im übrigen, unser Haus platzt vor Stoffen... nein, bitte,” flehte mein Mann.
In meiner Hosentasche war die zerkrumpelte Serviette. Niemand glaubt, dass die da so ganz von allein punktgenau parat war.. oder ?
“Nein, bitte, nein ...nicht jetzt. Und dann, es sind Karos,” bemerkte mein kluger quilters husband, “du machst niemals was mit Rechtecken und Quadraten , du sagst doch, die kann man niemals ordentlich zuschneiden!” Ich war erstaunt. Was er nicht alles von mir weiß.
Die Müdigkeit, die Hitze, das kühle Bier...alles zerrte an der zerknüllten Serviette in meiner heißen Hand.
“Also gut, morgen !”
Natürlich hat es nicht geklappt.
Im Nu fanden wir uns auf dem Flughafen wieder und dann .... gütiger Gott.... hatte die Maschine eine saftige Verspätung.
“Das ist Schicksal” musste meine Mann sich anhören. “Also los !”
Hat jemand schon mal einen Stoffladen in einem Flughafen gefunden ? Nein. Ich natürlich auch nicht.
Und da war es. DAS Kleidchen.
Die buntesten Madras-Karos zu einem Kleidchen verarbeitet, mit dem sich jede Flamenco Tänzerin der Welt zeigen kann. Volant über Volant... fliegend, schwingend, über dem Kopf zum kompletten Kreis zusammenlegbar. Und es hatte die richtigen Größe und war noch nicht mal zu teuer.
Wenigstens das Kleidchen wollte ich kaufen und eine der Enkelinnen damit beglücken.
Die Beglückte guckte seltsam still.
“Wunderschön” knarzte es mir entgegen und einmal hat sie es sogar stumm und biestig angezogen, während ihre Cousinen mit nabelfreien Tops, Miniröckchen und Hot pants um sie herum tobten.
“Es ist nicht nur peinlich, es ist auch noch zu eng! Nur damit du das weißt!” motzte das Kind.
Ich Idiot habe das Kleidchen erweitert.
Ich hätte besser meine Maschine geölt oder meine Wimpern getuscht oder sonst was getan.
Die Karibik verschwand für alle Zeiten in der Finsternis des Kleiderschrankes.
Und dann kam ich in meinem tiefen, endlosen Arbeitsblockade-Loch, meiner Unfähigkeit, wieder etwas Neues anzufangen, zu diesem Schrank. Er musste aufgeräumt werden und da plötzlich der Duft... die Karibik .... die Farben... der Schwung, die Kolibris, die Lieder, die Musik...
Her mit dem Kleidchen.
Viele Abende lang habe ich aufgetrennt.
Mein Mann murmelte etwas von : “Tausend Stoffe hat sie und nun trennt sie dieses Dings auf... wer soll das jemals verstehen ?"
Mir schwebt eine irische Kette vor, eine doppelte oder so was ganz Schlichtes, Schönes...Traditionelles mit diesen Stoffen, wiederverwendet. Das geliebte/ungeliebte Kleidchen kommt niemals in die Altkleidersammlung, nein, auf keinen Fall.
Und ich hab getrennt... gewaschen, gebügelt und ...
Jetzt fange ich an.
Ein neuer Quilt.
Ein Quilt aus etwas Altem. Aus etwas Geliebtem.... ich freue mich... die Sonne scheint, Hitze ? Ach, was ! Fenster auf und los. Es ist eine Wonne....
Back to the roots..... wie konnte ich vergessen, was Quilts eigentlich sind ?
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