Colourwash und mehr

Letztes update:

19.12.2011

 Kurse Frühjahr 2012

Neuer Quilt: Scrap Roses

Ausstellung 2009

Maschinen - Quilten

Fotos aus Kursen

 

Neue Story:

Rückwärts ist Vorwärts


Augenblicke

Es gibt hin und wieder Momente, die lassen die Gegenwart plötzlich für einige Sekunden stillstehen. Ich meine damit nicht die großen, lang geplanten Ereignisse wie z.B. das Bestehen einer Prüfung, das „Ja-Ich-Will“ im weißen Kleid, ja nicht einmal die Sekunde, in der ein Quilt fertig geworden ist. Diese Glücksmomente sind lang geplant und voraussehbar. Ich meine etwas, das sich plötzlich ereignet und uns vollkommen unvorbereitet trifft.

Der Oktober ist ein wunderschöner Monat. Er ist frei von den grässlich schniefenden Begleiterscheinungen des Frühlings und er kann warm und klar sein wie kein Sommertag. Farblich ist er allen anderen Monaten so wie so überlegen, denn auch bei uns färben sich die Wälder so bunt und prächtig wie im amerikanischen Osten, nur hat man hier keine Weltanschauung daraus gemacht. So weit braucht man gar nicht zu reisen, auch unser Herbst glüht und leuchtet ....falls die Sonne scheint.

Frei von allen drängenden Verpflichtungen erlebte ich einen solchen Tag.

Wolkenlos blauer Himmel, herbstliche Farben und die Restwärme des Sommers. Ich habe den Tag genossen, aber eben NICHT so, wie man es tun sollte. Ich habe alles erledigt, was in der letzten Woche liegen geblieben war. Nur hin und wieder gab es einen Blick nach draußen und das den leisen Stich eines schlechten Gewissens, diesen Tag mit Schreibkram, Aufräumen, Mails beantworten, Texte lesen und was alles noch so anfällt, zu vertun. „Nein,“ hab ich mir gesagt, „heute werde ich unvernünftig sein, heute tue ich nur das, was getan werden muss, es liegt wie ein Berg auf mir, also weg mit ihm !“

Aber die Wäsche könnte man im Freien aufhängen. Das fand ich eine gute Idee, um endlich aus dem Kram herauszukommen, in dem ich feststeckte.

Wäschegestell herausholen... aufbauen ... Wäsche aufhängen ..und da !

Da ertönt ein Schrei über mir. Nur ein einziger.

Mein Kopf fliegt hoch. Was war das ? Das war doch.... ?

Ja !

Über mir im leuchtend blauen Himmel fliegt ein Keil Gänse. Sie fliegen in den Süden. Sie schnattern und „quasseln“ nicht, wie man es oft hören kann, nein, diese Gänse waren schon lang unterwegs, sie arbeiten sich eisern weiter vor auf dem Weg, der ihnen vorgegeben ist. Sie fliegen fast tonlos.

Nun wieder ein Schrei.

Von weit hinten kämpfen sich zwei Gänse nach vorne. Sie haben den Schrei verstanden : „Ich kann nicht mehr, wer löst mich ab ?“

Eine der beiden Gänse übernimmt die Führung, die erschöpfte fällt zurück, gliedert sich in den tragenden Luftstrom der anderen ein. 

Der Keil der Gänse fliegt weiter. Der Himmel ist wieder „leer“.

Ein Riss in meinem verquasten Tag. Ein Blick in eine andere Welt, die um mich herum existiert, unverändert seit Jahrtausenden, eine Welt, die die Menschen noch nicht übernommen oder zerstört haben, die noch ohne uns funktioniert, in der unsere Sorgen und Nöte, Pläne und Ideen ohne Bedeutung sind.

Ich schicke den Gänsen einen stummen Segenswunsch mit auf ihre Reise :

„Kommt gut wieder zurück ! Kommt zurück !

 Wie schön, dass es euch gibt. Wie tapfer ihr seid und wie wunderbar !“

 

Ein zweiter Keil meldet sich durch vereinzelte Schreie. Ich verrenke mir den Hals, damit ich ihn nur ja nicht verpasse. Er zieht über mich hinweg. Ich höre ein kleines Geschnatter, ein winziges Lebenszeiten von einer Gans zur anderen : „Ich bin hier, ich fliege noch !“ Dann ist auch dieser Schwarm weiter gezogen.

 

Welch ein Glück habe ich gehabt, dass ich gerade in diesem Augenblick im Freien war ! Mein Herz ist ganz weit geworden. Warum habe ich nicht den ganzen Tag nur auf dem Rücken gelegen und auf die Gänse gewartet ? Gewartet ? Dann wäre er nicht so wundervoll gewesen dieser Augenblick.

Ich hab das Gefühl beschenkt worden zu sein.

 

Ich gehe an meinen Kleiderschrank und hole eine Jacke heraus, die ich vor einigen Jahren genäht habe. An der Vorderseite gibt es eine Reihe Flying Geese. Ich streichele diese Gänse und wundere mich, wie blass sie sind, welch jämmerlicher Abglanz der Wirklichkeit. Aber schön, dass ich sie genäht habe. So wird der Augen-Blick für mich präsent bleiben, wenn ich meine Jacke tragen werde.... an den anderen Herbsttagen, den kalten, grauen und trüben Tagen im November

 

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