Sonnenblumenkinder

Meine Sonnenblumenkinder

P1010651

Jetzt, Mitte Juli, sind meine Sonnenblumen erblüht. In diesem Jahr gibt es etwas ganz Neues. In diesem Jahr blühen sorgsam in die Erde gepflanzte, schwarze Sonnenblumen.

Es war kühl und wirklich sehr nass in diesem Frühjahr Die winzigen beiden Blättchen pro Samenkorn wären um ein Haar erfroren und bald darauf, als sie 2 oder 3 cm hohe Stielchen zeigten, im Regen ertrunken oder sogar zerschmettert worden. Ich habe von einem noch herbstlich kahlen Bäumchen dünne Zweiglein abgebrochen in Ermangelung kleiner Stöckchen. Nein die Essstäbchen aus dem China-Restaurant durfte ich nicht nehmen, die Ästchen taten es auch. An diesen kleinen 10 cm  dürren Zweiglein hab ich die drahtdünnen Sonnenblumenstielchen  festgebunden, damit sie nicht auf dem Boden zu liegen kämen. Die Kordel war fast dicker als die kleinen Stängel. Dann sind die Pflänzlein gewachsen.  Und während sie wuchsen, hab ich sie mit Freude betrachtet. Eine hatte ich dabei wohl übersehen, sie ist im Dschungel der jetzt angepflanzten Fleißigen Lieschen unsichtbar geworden… Ich hab sie nicht beachtet. Die Lieschen blühten laut und beherrschend.

Nach einigen Tagen bemerkte ich ein fremdes Blatt, dass sich aus den benachbarten Hortensien herauswand.
„Aha, eine Vogelfuttersonnenblume! Das wird eine gelbe sein. Die werde ich retten.“
Vorsichtig hab ich sie  aus dem dunklen Pflanzengewirr, das sie zu ersticken drohte, gezogen und ins Freie gepflanzt. Sie ließ alle Blätter hängen. Der Umzug hat ihr wohl nicht gut getan.  Oh je ! Die schlaffen Blättchen wurden über eine Kastenabdeckung gelegt und dann täglich betrachtet. Das Pflänzchen wurde öfter als alle anderen begossen. Endlich musste ein Kochlöffel  herhalten, um das schlappe Ding aufzurichten. Nach zehn langen Tagen, merkte ich, dass sie endlich der Kastenabdeckung entwachsen war und die oberen Blättchen sich selbständig reckten.

Die schwarzen Sonnenblumen waren inzwischen rasant gewachsen.

Alle Pflanzen legten eine Wuchskraft zu tage, dass man sich bei jedem neuen Hinsehen nur wundern konnte. Eine Pflanze wuchs senkrecht und ohne Stütze, wie mit dem Lineal gezogen, in die Höhe. Sie war so gerade, dass diese Linie gar nicht in die Natur passte. Zwei andere stützten sich gegenseitig, sie brauchten nur hin und wieder ein bisschen Aufrichten, ein bisschen in die richtige Richtung Biegen und am nächsten Tag schienen sie schon wieder gewachsen zu sein. Und dann war ja da noch eine. Wo kam sie her? Sie hatte den dicksten und gesündesten Stängel, sie war aus den Lieschen heraus ohne jede extra Streicheleinheiten der Sonne entgegen gewachsen.

Und jetzt blühen sie.
Dunkel schwarz. Zuerst hatte ich das Gefühl, sie sehen tottraurig aus gegen das sonst üppige Gelb der Sonnenblumen. Ich war enttäuscht. Ja, ich hatte beschlossen:
„Nie wieder !“
Als ich dann einen alten Besenstiel holen musste, um nun doch  die Senkrechte, die Riesige vor dem Umkippen zu retten, sehe ich ganz unten am Fuß des kräftigen Stiels dieses mickerige, winzige Stöckchen, mit dem ich sie einst aufgerichtet hatte. Jetzt brauche ich dazu einen Besenstiel und eine feste Kordel.

Die Sonnenblumen ………..meine Kinder.

Kleine Pflänzchen.. winzige Stöckchen als Hilfe..  große Kinder.. Besenstiele … Alle waren über ihre kleinen Stöckchen weit hinausgewachsen. Und jetzt sehe ich sie lachend und mit ganz anderen Augen an. Die Kinder? Die Sonnenblumen?

Eine wuchs von Anfang an senkrecht in die Höhe, passte fast nicht ins Bild der ewig krumm wachsenden Natur… senkrecht gerade. Zwei hielten sich aneinander fest, eine beschützte die andere, eine andere kam unbemerkt aber dann um so kräftiger zum Ziel und eine… herausgerissen aus ihrem Umwelt hat sich bekrabbelt, schießt in die Höhe, wird anders aussehen als alle anderen, nämlich sonnenblumengelb.

Es war schon Nachmittag. Die Sonne hatte ihren Einstrahlwinkel geändert. Jetzt leuchtete sie die schwarzen Sonnenblumen von hinten an. Und da sehe ich die Coronas. Jede der schwarzen Blumen strahlt wie die seltene Sonne bei einer totalen Sonnenfinsternis. Jede zeigte eine leuchtend purpurrote Corona um ihr Inneres, auf dem sich richtige Bienen tummeln. Nein keine Wespen, keine Hummeln, echte Bienen.

Und die aus ihrer Umwelt gerissene? Sie steht stramm, braucht keinen Stock mehr und wird als einzige anders, nämlich sonnengelb leuchten, in einer oder zwei Wochen wird es so weit sein. Ein bisschen später als die sorgsam gepflanzten, schwarzen Sonnenblumen… aber stramm und leuchtend.

Nicht, dass ich sechs oder sieben Kinder hätte, so viele sind es nicht. Es sind sechs oder sieben Sonnenblumen und jede zeigt mir einen Lebensabschnitt auch in meinem Leben… mal schlapp, mal leuchtend, mal hilflos, mal aufrichtend, mal Schutz gebend, mal senkrecht stehend, mal eigene Wege gehend aber immer mit einer Corona um unser geheimnisvolles Inneres.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.