Stoff (ver)kaufen

 Stoff (ver) kaufen

 

Hin und wieder genieße ich es, nur so da zu sitzen in Gudruns Stofflanden. Ich bin nicht die Einzige, die so was tut. Es gibt immer Kaffee, es gibt immer Gudrun, die ein offenes Ohr für alle Kümmernisse, Erfolge und Misserfolge hat, die nie vergisst, was man ihr erzählt, obwohl ihr zweites Ohr gleichzeitig im Laden ist. Multihearing nennt man das.

Kundschaft kam und ich hockte dabei und musste zuhören, ungewollt, der Kaffee war noch nicht ausgetrunken. Man lernt so viel durch zuhören… wenn man erst einmal begreift, was da so abläuft.

Und genau so wie ich es erzähle, so war es, ich schwöre es:

„ Ich will Stoff kaufen,“ sagte die junge Kundin, ein männlicher Begleitschatten tauchte hinter ihr auf.

„Aha, hätt‘ ich ja jetzt nicht für möglich gehalten,“ hab ich mir grinsend gedacht und die Ohren gespitzt. Das war doch mal eine Offenbarung. Stoff kaufen im Stoffladen.

„Haben Sie noch den beigen Stoff mit Muster?“

„Ja, das könnte sein,“ meinte Gudrun und machte sich auf den Weg zu beigen Stoffen mit Mustern. „Was ist  das denn für ein Muster?“

„Also, so genau kann ich das gar nicht sagen, ich denke, so was mit Blumen“

„Aha…Blumen. Und ich in welcher Farbe sind die Blumen?“

„Farben? Nun ja, eigentlich gar keine. Oder doch: Weiß,  ja sie sind weiß. Weiße Blumen auf beigem Hintergrund. Ich denke, sie sind weiß, ich hab den Stoff ja zu Hause. (Da liegt er in Frieden). Aber wenn ich recht überlege,“ fuhr sie  mit angestrengtem Gesicht fort,  „ist der Stoff nicht beige, sondern eher weiß, und die Blumen sind beige, was meinst du Schatz?“

Der Schatz nickte. „ Ja, weiß mit beige.“

„ Und die Blumen sind so eher beige, also bräunlich, so!“

Der Schatz war mit dem Farbwechsel einverstanden und nickte beflissen. „Ja. Weiß mit beige, so was.“

Gudrun suchte ihre Regale ab und noch während sie guckte, insistierte die junge Kundin:

„Aber Sie müssen  den Stoff doch haben, den Stoff gibt’s doch, dann müssten Sie den doch haben. Hier gibt es doch Stoffe.“

„Ist er denn hier gekauft worden?“ fragt Gudrun

„Na, also, woher soll ich das wissen, ich hab die Tischdecke von meiner Tante geerbt und jetzt will ich passende Servietten dazu machen. Das ist doch Baumwollstoff, also müsste er doch hier zu finden sein.“ Die junge Frau wurde ungeduldig.

„Ist die Tante denn gestorben,“ fragt Gudrun mitfühlend, um eine Vorstellung vom Alter des Stoffes zu bekommen.

„ Na ja, geerbt halt, hab ich ja gesagt und gibt’s jetzt den Stoff bei Ihnen oder nicht?“

Der Begleiter-Freund-Gatte mischt sich hilfreich ein:

„ Also, Schatz, dass kann man so nicht sagen, manchmal gibt’s etwas einfach nicht mehr.“

„Aber Stoff ist Stoff, den muss es doch geben!“

„Nein. Schatz,“ wedelt der Gattenfreund… „Wenn du heute einen VW mit Brezelfenstern willst, dann gibt‘s den auch nicht mehr beim Händler, der wird nicht mehr hergestellt.“

„Hergestellt! Du  kannst doch einen Stoff nicht mit einem alten  VW vergleichen. Stoffe gibt’s immer, man kann sie weltweit kaufen!“

Inzwischen waren meine Ohren so lang wie die von Mr. Spock. Gudrun verzog keine Miene und sah auch nicht in meine Richtung, das hätte nämlich fatal enden können.

„Also, haben sie jetzt diesen Stoff oder nicht?“

„Tja,“ meinte Gudrun mit Engelsgeduld, „es ist so, wir bekommen alle paar Wochen neue Stoffe.“

„Neue, sicher, aber doch nicht andere, oder wie soll ich das verstehen?“

„Ja, andere, ganz andere, die werden dauern neu entworfen und hergestellt!“

„Ja, aber das ist ja furchtbar,“ der jungen Frau gingen plötzlich Lichter auf, „ und wenn ich dann einen sehe, der mir gefällt, dann muss ich den ja sofort kaufen und kann nicht warten, bis mir einfällt, wozu ich ihn gebrauchen könnte.“

„Sie hat‘s kapiert !!!“, hab ich mir gedacht. Meine Ohren wackelten inzwischen schon vor lauter Freude an dem Gespräch. Ich freue mich immer, wenn Menschen Lichter aufgehen, aber das war schon echt eine Leuchtrakete.

Dann kam Gudrun auf die rettende Idee:

„Wenn Sie den Stoff der Tischdecke so lieben, dann zerschneiden Sie doch die Tischdecke und machen sich Sets draus!“

„Zerschneiden?“ ich meine mich an eine vor Entsetzen zuckende Unterlippe zu erinnern. „Zerschneiden, meinen Sie das im Ernst?“

„Ja,“ meinte Gudrun und dann bekam ich endlich einen Blick von ihr. Die Rettung nahte, man war beim Stoffezerschneiden.

„Gute Idee,“ warf jetzt der Begleiter dankbar ein, „dann brauchst du auch nicht wegen jedem Fleckchen die ganze Tischdecke zu waschen und mangeln zulassen, so ein kleines Tischdings ist doch viel praktischer und so modern!“ Jetzt warf er Gudrun einen dankbaren Blick zu.

„ Na guuuuut,“ murmelte die junge Frau, die hoffentlich wußte, was sie an dem geduldigen Begleiter hatte.

Paling-Palong….

Weg waren beide.
Schnell hab ich Gudrun einen Stuhl hingestellt, damit sie Luft holen konnte.

„Ach, Ulla, willkommen in meiner Welt. Stoffe verkaufen ist nicht so einfach wie du gedacht hast,“ lachte sie.

„Yes“ damit hatte sie Recht und ich hab wieder was dazu gelernt.

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