Quilterin im Baumarkt

Quilterin im Baumarkt

Im Lauf meines langen Lebens hab ich gelernt, dass man, wenn man mit Männern redet, be-stimmte Wörter am besten vermeidet. Dazu gehört z. B. das Wort Silikon und … Gleitmittel. Aber es half nichts. Bei einem Stipplingkurs hatte eine pfiffige Kursteilnehmerin einen solchen Spray hervorgezaubert und alle schlecht rutschenden teuren Acrylanschiebetische im Null-kommnix in Rutschbahnen verwandelt. Die Arbeit fluppte anschließend nur so. Diesen Spray musste ich haben.
Also, auf in den Baumarkt !
Ein Baumarkt ist etwas anderes. Etwas ganz anderes als alle Läden der Welt. Im Baumarkt verwandeln sich unsere Männer, die tagsüber in Büros sitzen, Auto fahren, Computer pro-grammieren oder sonstige kräfteraubende männliche Tätigkeiten ausüben zu Holzfällern, Mammutjäger und Eiszeitbezwinger. Alles Weibliche liegt weit weg in dieser Welt der Ma-cher und Alleskönner. Und siehe da, ich konnte die beiden Wörter …“Silikon und Gleitmittel“ im Baumarkt problemlos aussprechen. Kein Nasenloch blähte sich, keine Augenbraue wurde grinsend nach oben gezogen … . Ich fand das doch erstaunlich… irgendwie bemerkenswert.

Ich sollte mich in die Autozubehörabteilung begeben.
Aha.
Zögernd und nach allen Ecken lauernd, machte ich mich auf in die Tiefen der Männlichkeit. Da standen sie, breitbeinig, selbstbewusst und zielsicher vor den Regalen, nahmen dies und das und legten es in die Einkaufwagen, fachsimpelten mit sich selbst oder mit anderen… be-nutzen Wörter, die im normalen Sprachgebrauch nicht vorkommen, ganz eingetaucht in die Welt der Bohrmaschinen, Flunchs, Dübel und Schrauben.

Stop wird meine Tochter jetzt schreien, stimmt nicht ganz. Es gibt auch Mammutjägerinnen. Sie selber liebt Baumärkte, fühlt sich darin wie im Paradies und wurde einmal in Amerika besorgt angesprochen, ob sie Hilfe bräuchte, so hingebungsvoll hat sie all die neue Möglichkei-ten des Schaffens und Könnens bewundert, dass sie auf der Videoüberwachung als Fremd-wesen geortet worden war und man sie für eine Schwachsinnige hielt, die irgendwo ausgebüxt war… aber ich schweife ab.

Ich fand die Autoabteilung, ich fand die Sprays.
Ich war verloren.
Es gibt Sprays für einfach alles und jede Lebenslage, für die Windschutzscheibe, die Rück-scheibe, für außen und innen, für Lederlenkräder und Armaturen, für goldene und silberne und anthrazittene Felgen, hochglanz oder matt, für Fußbodenbeläge und Rostflecke, ja gegen Moos…. Moos ??? Im Auto ??? Waschen die sich die Füße nicht… wie sonst sollte Moos ins Auto…..hmmmm ? Egal, es gab einen Spray gegen Moos… aber einen, der Acryltische zum Rutschen bringt ? Nix da !
Ich suchte Hilfe.
Schwer zu finden.
Die Holzfäller waren alle in tiefschürfende Gespräche vertieft. Wie sollten sie jemanden da bemerken, der anscheinend im Tarnumhang herumirrt ? Aber siehe da, ich fand eine ….Holzfällerin.
„Aha, Silikonspray. Wozu brauchen sie den denn ?“ fragte sie.
„Na, als …. Gleitmittel.“
„Gleitmittel ? Sie meinen……Reißverschlüsse ?“
Mit diesem bekannten Wort kam sie meiner Denke bereits näher. Es gab eine Schnittmenge zwischen uns und ich hatte so nebenbei eine neue Information über Silikonspray erfahren.
„Den ham´ mer hier,“ sagte es, griff hinter sich und hatte ihn.
Ein Holzfäller kam hinzu und meinte altklug, für Reißverschlüsse könne man auch Seife neh-men, dazu sei der Spray echt zu teuer.
„Also ich brauche ihn….wollen sie das wirklich wissen ?“
Das Interesse beider Holzfäller war erwacht.
„Zum Rutschigmachen eines Acryltisches.“
Schweigen.
Ich sah im Geiste, wie sie mich über einen Acryltisch rutschen sahen und wollte nicht noch tiefer in ihre Gedanken eindringen. Beide starrten mich an
„Rutscht Ihrer denn nicht mehr ?“
„Nein, nicht genug. Ich meine für mich nicht genug.“
Schweigen.
Ich packte meinen Spray und machte, dass ich wegkam aus diesem Wald voller Holzfäller, Moossprays und Hüttenbauer…. eh…. Holzhäuser… bauen. Irgendwie kam mir das Wort ver-traut vor. Holzhäuser.
Nichts wie raus hier. Fremdes Territorium.

Das Holzfällerpaar starrte mir nach. Sprachlos, gefangen in ihren befremdlichen Vorstellun-gen.

Da sehe ich ihn !
Er trifft mich wie ein Blitz : Ein Lonestar. Wunderbar umflochten von zwei interlocking Squares in rosa, grau und beige und flieder. Ein zauberhaftes Mosaik in der Abteilung : Ba-dewannen und was dazu gehört.

Und das war`s dann.
Ein voll beladener Einkaufswagen rammt mir in die Fersen.
„ Oh, Entschuldigung junge Frau,“ – ( junge Frau nennt man bei uns jedes weibliche Tier bis zum Alter von 105 Jahren ). „ Entschuldigung, konnte nicht wissen, dass sie so plötzlich ste-hen bleiben, wo es hier nix mehr zu sehen gibt !“
„Nix mehr zu sehen ???“
Ach, du hast keine Ahnung, Holzfäller dachte ich, verharrte wie gebannt vor dem Lonestar, fühlte meinen Puls schneller schlagen, vermisste meine Kamera und schwebte zur Kasse, zum Auto und nachhaus mit Silikonspray und Lonestar in flieder….

Eigentlich sollte die Story hier zuende sein. Ein schönes schwebendes Ende. Aber :

Ich komme heim, stürze an meinen PC, um alles aufzuschreiben. Da kommt der bester aller Ehemänner und fragt:
„Was schreibst du denn da ?“
„ Etwas über Silikonspray“
„Was ? Silikon !!“
Sein linkes Nasenloch bläht sich ein bisschen, die rechte Augenbraue geht fast unmerklich hoch, ein winziges Grinsen wächst auf seinem Gesicht.
„ Silikon, ach, das hast du doch nicht nötig“!

Ich war wieder zuhaus !

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