Lady Godiva

Lady Godiva

Ich weiß nicht, wie die Mädels das heute machen. Sie haben Beine, die mir fast bis zum Kinn reichen. Schlank, gerade, traumhaft; kurz darüber fängt die blonde Haarmähne an, glatt und seidig, ewig geschüttelt und mit den Händen glänzend gestreichelt. Sie alle sind solche Schönheiten, dass man einen Schluckkrampf bekommt, wenn sie angeschwebt oder angestakst kommen. Man muss den Kopf in den Nacken legen, um mit den 1,80 m Göttinnen überhaupt reden zu können. Vorbei die Zeiten der Petticoats, bitte, das war ein anderes Jahrtausend, vorbei die schwingenden Röcke und aufgebundenen lockigen Pferdeschwänze. Nun ja, geblieben sind die Jeans. Aber sind das noch Jeans? Nein es sind Jeggins. Ein hautenger Leggins-Jeans Hybrid. Wo kommen diese blonden Schönheiten alle nur plötzlich her?
Ich warte auf meine Enkeltochter. Heute will ich ihr die Busfahrt nach Hause ersparen und da kommt sie auch schon angeschwebt wie Lady Godiva, ihr Pferd hat sie wohl gerade nicht dabei.
Atemlos fällt sie neben mir ins Auto und erzählt, heute Morgen, habe sie vielleicht einen Schock erlebt. „Stell dir nur vor….,!“ ach, nein, sie kann es gar nicht in Worte fassen, es ist einfach zu kompliziert.
Seit Jahren schon schmiert die Göttin ihre Brote morgens selber. Sie hat ihren eigenen Ritus, WIE genau sie das macht. Heute nennt man das: Sie macht es nach einem ganz exakt festgelegte Morgen-Broteschmier-Algorithmus… wie schreibt man dieses Wort nur? …Aber heute, sei etwas Unfassbares passiert.
„Weißt du, so eine Brotscheibe hat ja 2 Ränder, einen halbrunden und einen geraden…, kommt du mit, Oma ?“
„Ja, noch.“
„Also eine runde Kruste und eine gerade, unten .. waagerecht. Ich schnappe mir immer die ersten zwei Scheiben und klappe sie dann auf. Dann liegen sie so vor mir: Die eine runde Seite liegt von mir weg… verstehst du, was ich meine? und die zweite liegt dann unten… es sieht so aus wie ein Kreis, ein Brotkreis. Ich liebe das, wenn das so ist. „
„Na, klar“, meine ich und denke an den Brotkreis. Das Problem, so etwas zu beschreiben, kenne ich nur zu gut.
„Dann schmiere mir meine Brote. Ich meine: Meinen Brotkreis und dann klappe ich die Brote von unten nach oben zusammen und schwupps ist das Pausenbrot fertig und passt genau in meine Dose. Aber als ich heute die Brote wieder zusammengeklappt habe, da haben sie….. nicht gepasst. Nichts hat gepasst. Es passt immer… schon seit Jahren und heute, nichts… Ich kann es bis jetzt nicht begreifen.“
Ich stellte mir den Klappvorgang vor und denke daran, wie oft ich schon winzige und größere Teile genäht und geklappt habe und…anschließend… hat es nichts gepasst.
„Die Brote waren verhext, ich sag‘s dir! Ich hab sie mit zwei Fingern angefasst und weggeschmissen!“
„Du hast sie weggeworfen?“
„Na klar, so was kann man nicht essen!“
„Und dann… ?“
„ Nix und dann… bei den nächsten beiden Broten war die blöde Hexerei vorbei und sie haben wieder gepasst!“
Irgendwie bin ich nicht mitgekommen, wollte aber lieber nicht nachfragen… wir waren inzwischen zu Haus angekommen. Abends erzählt mir die Mama der langbeinigen Göttin, dass morgens mal kurz die Welt stillgestanden habe.
Peng. !!
Nichts bewegte sich mehr, absolute Stille…die Brote passten nicht.
Fassungsloses Starren… und dann : Wegwerfen….
Bevor die Mama eingreifen konnte war ihr klar, was die Welt aus ihren Angeln gehoben hatte….
„Weiß du, sie hat zwei Scheiben Brot genommen, wie immer. Dann hat sie die zweite einfach nicht umgeklappt zu ihrem Brotkreis, sondern auch so hingelegt, wie die obere. Halbrunde Kruste nach hinten, gerade Seite nach unten, nach vorn, na, wie man ein Brot halt normalerweise so hinlegt. Sie hat sie geschmiert und umgeklappt wie sie seit Jahren macht und… die Welt stand still. Das Brot „passte“ nicht. Dann hat sie es noch mal gemacht, so wie sie es immer macht und natürlich, jetzt „passte es“ wieder.
Wir haben gelacht.
Ich habe gedacht.
Lady Godiva ist vielleicht doch nicht mit dem Patchwork-Gen und der Geduld, die dieses Gen mit sich bringen muss, infiziert. Wer wirft denn gleich zwei Teile weg, nur weil man sie falsch umgeklappt hat und sie schon wieder nicht passen, und gerade haben sie doch noch….verflixt noch mal. Wieso passen sie denn jetzt nicht?
Zufrieden hab ich meine Geschichte durchdacht und aufgeschrieben. Ein bisschen traurig, dass Godiva sich so gar nicht dazu eignet, die Geduld für einen Quilt aufzubringen.
Nach dem Aufschreiben hatte ich Zeit und gehe zu meiner Quiltarbeit, die gestern liegen geblieben war und sehe einen kinderleichten 10er Block aus diagonal geteilten Quadraten in rot, gelb und schwarz. Kinderleicht, wie gesagt, der reinste Pipifax.
Ich stutze. Kinderkram dieser Block… aber nun ja… stop.
Die Welt steht still.
Ich hab ihn gestern so falsch zusammengenäht, dass aber auch gar nichts passte. Das Muster stand auf dem Kopf und war rechts links vertauscht. In der späten Abendstunde hab ich es überhaupt nicht bemerkt, alles war falsch. Alles.

Weg damit !!
Nein ! Trennmesserchen… raus. Auftrennen und neu machen und an die göttliche Godiva gedacht, die noch viel lernen wird und vielleicht doch noch ein Patch-Gen entwickeln könnte.

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