Heute beim Einkaufen 23.2.15

Menschen müssen einkaufen. Man kann nicht umhin, man trifft dabei auf andere Menschen. Normalerweise sieht man kaum, wen man da trifft, denn man versucht, alles so schnell wie möglich zu erledigen. Nicht so heute.
Heute hab ich mein Portemonnaie herausgeholt, um nachzusehen, ob mir an der Kasse kein Desaster droht, da ruft jemand hinter mir, jemand, den ich gar nicht bemerkt hatte:
„ Stecken Sie ihr Portemonnaie doch nicht in die Handtasche, tragen Sie es am Körper!“ und schon war sie da. Eine quicklebendige alte Frau… eine Alte wie ich. Wollmütze, Parka Jeans, voller Temperament.
„Wissen Sie, das hat mein Vater schon immer zu mir gesagt, „ Ursula, pass auf deine Sachen auf!“
„Aha“, hab ich geantwortet. Sie hat mich angesteckt, warum kein Schwätzchen halten? „Ursula, so heiß ich auch!“
„Was? Das ist ja toll, das hab ich fast geahnt.“
„Ja, alte Ursulas gibt’s viele hier um Köln herum!“
„Ach, und ich komme aus Breslau!“
„ Na, da ist Ursula ja eher ein seltener Name,“
„Ja, aber ich mochte immer die Art, wie mein Vater ihn ausgesprochen hat, wissen Sie, ich hatte nur meinen Vater… damals,… wir hatten einen Bauernhof und 1943, da wurde ich geboren… da gab’s dann 1945 nur noch meinen Vater, meinen Bruder und mich!“
Oh ha, das war ja eine Geschichte für mich und für Geschichten bin ich immer zu haben. Ich wollte grade einige Fragen stellen, um den Erzählstrom nicht abbrechen zu lassen, das war nicht nötig.
„Ja, 1945 mussten wir aus dem Bauernhof raus, die Polen kamen, meine Mutter hatte mich eingepackt, in den Wagen gesteckt und ist dann noch mal zurück ins Haus gelaufen, sie kam nicht mehr aus der Vordertür heraus, alles war voller Bewaffneter, da ist sie zum Küchenfenster rausgeklettert und davor stand unser Knecht. Unser eigener Knecht.. und… hat sie erschossen. Ein Schuss in den Bauch, einer in die Brust !“
Ich stehe im Einkaufszentrum, den Wagen voll mit Obst aus fernen Ländern, mit teurem Fleisch, mit Milch, Gemüse, Tiefkühlzeugs…. Und sehe die junge Frau, die vor ihrem Küchenfenster 1945 erschossen wird. Von ihrem Knecht. Das Atmen war plötzlich nicht mehr so einfach.
„Ja, und da ist mein Bruder zu ihr gelaufen, der war 7 Jahre und hat sie so lange in seinen Armen gehalten, bis sie tot war und er hat dann später nie geheiratet…. Er konnte es nicht mehr ertragen, dass er einen Menschen hätte verlieren können. Mein Vater kam mit uns dann hierher, ins Rheinland… und ja, echt, da gibt es viele Ursulas. !“
„Ja, sie ist ja Stadtpatronin von Köln!“
„Oh ja, das weiß ich… also passen Sie auf, wo Sie ihr Portemonnaie hinstecken, es ist so schwer etwas zu verlieren!“
Weg war sie. Wie konnte ich sie laufen lassen? Ich war noch ganz woanders, hatte nicht rechtzeitig begriffen, dass sie weg gegangen war. Ich hätte so gern weiter geredet, aber ich konnte ihr nur nachrufen
„ Auf Wiedersehen, Ursula !“
Das hat sie schon nicht mehr gehört.

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