Was macht einen Quilt zu einem Quilt?

Was macht einen Quilt zu einem Quilt?

Was, das wisst ihr wirklich nicht so genau?

Die Blöcke? Die Farben? Die exakten Nähte, die winzigen Stiche? Es gibt Vermutungen von internationalen Quiltköniginnen, wie: “ The quilting makes the quilt.” Nun ja, das kann schon stimmen. Aber über das, was einen Quilt wirklich zum Quilt macht, habe ich noch nie ein Sterbenswörtchen gelesen. Ja, nicht einmal das Wort fand ich je in einem Lexikon oder einem Quilthandbuch, dabei kennt jeder, der einen Quilt hat, der unter einem Quilt schläft, träumt, ihn liebt, pflegt und niemals weggeben würde. Es ist: “Schlafes”.

Was ist das? Muß ich da wirklich länger ausholen? Na gut, ich werde es erklären, auch wenn es jeder genau weiß.

Schlafes ist für sich gesehen etwas Unsichtbares. Man kann es nirgendwo aufheben, z.B. im Eisschrank oder in einer geheimen Schublade. Natürlich kann man es nicht kaufen oder jemandem schenken, es wird niemals auf Ausstellungen bewundert oder prämiert. Es ist eine traurige Tatsache, dass Quilts, die Schlafes enthalten nur höchst selten mit internationalen Preisen geadelt werden. Denn je länger ein Quilt an der Wand hängt, betrachtet und bewundert wird, desto mehr schwindet der kostbare Schlafes. Ja, es soll Quilts geben, die niemals kostbare Schlafes enthalten haben, die gar nicht ahnen, was das überhaupt ist. Wie traurig.

Schlafes muss verdient, muss angeschlafen, muss in langer Zeit in den Quilt hineingeschlafen werden. Das Wort klingt so seltsam fremd und doch so vertraut, es wird nur selten ausgesprochen, und wenn, dann von Kindern die ihre eigene bilderreiche Sprache erfinden, lange bevor sie vor der Aufforderung:” Sprich in ganzen Sätzen, bitte!” endgültig verstummen.

So habe ich gelernt, was einen Quilt kostbar macht, denn ich hätte um ein Haar den kostbaren, süßen Schlafes aus einem Quilt ausgewaschen. Dann wäre er nicht mehr derselbe gewesen, er hätte sich in irgendeinen beliebigen Quilt verwandelt, und den wollte Jonathan nicht. Er liebt seinen Quilt mit ordentlich viel Schlafes drin. Schlafes in gesunden Mengen lässt Kinder und andere Menschen schnell einschlafen. Es ist so etwas ähnliches, wie die goldenen Sandkörner des antiquierten Sandmännchnes, das es in Wirklichkeit ja nicht gibt. Aber Schlafes gibt es wirklich und den kennen nur besondere Kinder, Kinder, die mit Quilts auswachsen.

“ Schlafes kann man nicht sehen, aber riech doch mal dran, Du musst den Quilt ganz um Dein Gesicht rum knuddeln, dann kriegst du Schlafes, aber lasse noch was für mich drin,” Jonathan guckt besorgt. Und tatsächlich, ich rieche Jonathans Schlafes und nun weiß ich, was den Quilt so wertvoll macht. Eine Sünde wäre es, Schlafes mit Ariel oder Persil zu bekämpfen. Das darf man höchstens mal im Sommer, da ist Schlafes nicht so kostbar wie in der kalten Jahreszeit. Im Winter sammelt sich eine Menge Schlafes im Quilt, so viel, dass er im Sommer schon mal gewaschen werden darf.

“ Da kommt Sonnenschein rein, der ist auch wichtig”, meint Jonathan und beschließt, sich einen Nachmittag von seinem kostbaren Stück zu trennen.

Aber es gibt noch etwas, das einen Quilt zu DEM Quilt macht. Gute Quilts haben Geheimnisse, und die wären natürlich keine mehr, wenn man sie hier herausplaudern würde. Eines darf ich heute erzählen, weil ich weiß, dass Ihr, liebe Freundinnen, es nicht herumposaunen werdet.

Ein winziges Löchlein, von der Einfassungskannte von Jonathans Quilt – eine nicht ganz geschlossene letzte Naht- sie war meinen Augen hier im Eifer der Vollendung entgangen.

Gerade diesen Eintritt in gerade diesen Quilt fanden die kleinen Fingerchen. Zwischen Tag und Traum wurde das Schlupflöchlein von Sonnenschein zum Schlafes immer wieder gesucht, gefunden und vergrößert.

Eines Tages wurde das der jungen Mutter zu viel, weil fast nur noch “Schlupflöchlein” den labberigen Quilt umgaben.

“So geht das nicht mehr! Wie sieht das Ding denn aus?”, meinte sie und gab den kostbaren, schlafesgefüllten Quilt für eine logische Sekunde an die Großmama weiter, damit die Einfassungskannte neu genäht werde. Die Großmama hat- natürlich unter Rettung von Schlafesresten- eine neue Einfassungskannte genäht und… ganz am Schluss wieder ein Schlupflöchlein gelassen.

Jonathan nahm nach der Reparatur seinen Quilt skeptisch in Empfang, Blitzschnell fuhren seine Finger den neues, doppelt und fest genähten Rand entlang.

“ Hmmmm,” meinte er,” na ja….” und seine kleinen Finger tasteten weiter. Und dann blitzte es in seinem Gesichtchen auf. Ein Blick zur Oma, die erwartungsvoll schaute, die Augen der Generationen trafen sich und ohne, dass ein Wort gesprochen wurde, wußten beide, daß der Eingang in die Traumwelten gefunden war gefüllt mit viel Schlafes und einer noch größeren Portion von etwas anderem, das man nicht riechen, geschweige denn sehen kann, etwas, das – so wie ein Quilt die kleinen, schlafmüden Kerlchen in der ganzen Welt – unsere Herzen wärmt. Ihr wisst, was es ist. Quilterinnen brauche ich es nicht beim Namen zu nennen.

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